Lichtungen 160

Maria, Romanauszug

Moser Barbara

Maria war schon drei Jahre nicht mehr hier, aber der Birnenbaum steht immer noch da. Krumm wächst er an der Kante des Kornkastens empor, die Granatsplitter, die die beiden Weltkriege hinterlassen haben, haben sich tief in sein Holz gebohrt. Er ist mit ihnen verwachsen. Im Frühling blüht er in Weiß mit einem zarten, kaum sichtbaren, rosafarbenen Schleier darauf. Eine alte Sorte müsse es sein, sagt der Großvater. Die wenigen Birnen, die der Baum noch trägt, schmecken jedes Jahr herb, wie lang der Sommer auch dauern mag.
Hinter dem Birnenbaum und dem Kornkasten ragt ein Hügel empor, genauer gesagt ein Hügelchen, auf dem die Apfelbäume stehen. Sie reihen sich dicht aneinander und nehmen sich gegenseitig das Licht. So bleiben sie zeitlebens klein und knorrig und im Spätsommer fallen winzige mehlige Äpfel von ihnen ab. An ihrer Oberfläche weisen sie ausgefranste faulige Stellen und Wurmstiche auf. Zwischen den Apfelbäumchen sprießen die Blumen, die nur zu wachsen scheinen, um von den Kindern zu Muttertagssträußchen und Kränzen verarbeitet zu werden. Hätte man Maria gefragt, was das Zentrum des Hofes ist: Für sie wäre es der Apfelhain mit seinen unzähligen Möglichkeiten gewesen.
Für den Vater wäre es womöglich die Werkstatt gewesen, zu der eine kurze, steile Treppe emporführt. Sie liegt hinter einer knarzenden Tür, die nur mit einem verrosteten langen Schlüssel geöffnet werden kann, mit dem der Vater in der Luft herumfuchtelt wie der Großvater mit seinem krakeligen Zeigefinger. Jetzt betet doch einmal ordentlich mit! Seid leise beim Essen! Helle Bretter hat der Vater in der Werkstatt fein säuberlich zu Stapeln geschlichtet, eines ums andere, Kante an Kante, der Boden ist gekehrt und nur aus den Ritzen, die sich zwischen den Dielenböden wie kleine Krater auftun, lugen an einigen Stellen Sägespäne hervor. Das Haus überlässt der Vater den Frauen, er überlässt sich den Frauen, in seinem eigenen Reich aber lässt der Vater nicht den Funken von Unordnung zu. An einer Wand baumeln Sägeblätter, von links nach rechts von groß nach klein klassifiziert, damit sie nicht verloren gehen können wie die jungen Kälber, die auf der Weide manchmal ausbrechen, gegenüber hängt ein Bild von Zita, der letzten Kaiserin von Österreich. Aber erst das Kreuz an der Wand gibt dem allen die rechte Ordnung. Ordnung ist das halbe Leben, aber ohne das Holzkreuz ist auch dieses halbe Leben nicht viel wert. Überhaupt ist hier fast alles aus Holz: die Werkbank, die Hobeln, die Arbeitsflächen. In die Zwinge ist ein verbogenes Stück Eisen gespannt, das vom Vater wieder zurechtgeklopft werden will, und auf der Werkbank tummeln sich abgegriffene Schächtelchen. Nägel, Schrauben und Muttern sind nach ihrer Größe einsortiert; und hätte der Vater sie nicht nach einer Gemeinsamkeit zusammengeschlichtet, wie sollte er sie jemals wiederfinden? Hätte er nicht von Vornherein Ordnung geschaffen, müsste er alles suchen wie eine Nadel im Heuhaufen und vielleicht würde es überhaupt verschwinden, vielleicht würden sich die Nägelchen in die Ritzen der Dielen verkriechen, vielleicht würden sich die Schrauben in die hintersten Ecken der Kästchen zurückziehen und dort durch einen Spalt ins Freie rutschen. Vielleicht würde die Hofhalbkugel ihren gierigen Rachen aufmachen und die Schräubchen und Nägelchen darin verschlucken.
Auf dem Hof ist alles mit allem verwachsen. Das Wohnhaus ist mit dem Stall verwachsen, der Stall mit der Milchkammer, die Milchkammer mit der Werkstatt, die Werkstatt mit dem Stadel, der Stadel mit den Heuböden, die Heuböden mit dem Hühnerstall, der Hühnerstall mit dem Misthaufen, der Misthaufen mit den Feldern, die Felder mit dem Fluss. Der Hof ist die Welt. Ein reißender Strudel ist diese Welt, ein Gefängnis, einmal drin, kommt man nicht mehr heraus. Man ist drinnen, ohne es im Geringsten zu ahnen, der Eingang ist ja überall, er verfolgt einen überall hin, dieser Eingang, er ist im Wald oder auf der Straße. Einmal nicht aufgepasst, schon ist man in diesem Geflecht gefangen und kommt nicht mehr heraus. Man bleibt daran haften, daran kleben wie die Zungen der Kinder auf dem Melkgeschirr im Winter. Nur kurz die Augen zumachen, einatmen, ausatmen, es dauert ja nur eine Sekunde, das geht ganz schnell vorbei, keine Sorge, es ist nur ein kurzes Brennen und ein schneller Ratsch, und schon ist der Mund wieder frei und die weißen Hautfetzchen eisen auf den Eimern ein und verlieren sich im Weiß der Milchtropfen, die an der metallenen Außenseite wie in Zeitlupe abperlen.
Der Stall ist voller Nischen, er ist eingeteilt wie die Nägelchen, eingeteilt in die Boxen für die Schweine und für die der jungen Kälber, in den Verschlag für die Hasen, in den Schacht, durch den das Stroh befördert wird und in die Mistrinnen. Überall sind Rechtecke, seltener auch Quadrate, die Schweinebox ist fast quadratisch, und in ihr hängen sechs Ferkel an den Zitzen einer Sau wie später in der heißen Wanne an ihrem Leben. Durch die Quadrate und Rechtecke schlängeln sich die Bauern mit ihren Schubkarren, sie ziehen die Köpfe ein, um die sie Tücher gebunden haben, sie gehen mit den schweren Milchkannen ein und aus und mit den mit Mist aufgetürmten Schubkarren, sie fegen die Gänge entlang mit ihren Reisigbesen, sie schaben den Dreck vom Boden ab. Der Dreck ist braun und der Boden auch, und über die Jahre weiß niemand mehr zu sagen, welche Farbe der Untergrund ursprünglich hatte. Ist er nun grün oder braun? Die Kinder fahren geduldig mit dem Schaber auf und ab, auf und ab über die Gänge. Sie jagen den Röllchen nach, die erst klein sind und dann immer größer, sie gehen vom Boden ab wie Schokolade von einer Raspel.
Der Mist klebt am Boden fest und auch am Gemäuer, das im unteren Drittel braun gestrichen ist. Er haftet an den Stiefeln und an den Pullovern, an den Kuhschwänzen und den Wassertränken. Einmal die Schaufel aufstellen, schau her, die spitze Kante voran, damit wir den Mist schön aus allen Richtungen in die Rinne kratzen können. Im Winter braucht es viel Balancegefühl, um die vollbeladene Scheibtruhe über das wackelige Brett auf den verschneiten Gipfel des Misthaufens zu karren. Kaum auszudenken, wenn der Vater damit kopfüber in die gefrorene Masse stürzen würde. Der Dreck wandert auf die Felder, ehe er an den ersten Frühlingstagen aufzutauen und in seinem eigenen Sud dahin zu rinnen droht. Der Mist kommt auf die Felder, die Felder sind neben dem Wald, der Wald wird zum Berg, der Hof ist die Welt.
Der Hof riecht, wie ein Jauchefass versprüht er seine Gerüche in alle Richtungen, in alle Himmelsrichtungen. An keiner Stelle ist er geruchlos. In jeden Raum ist der Mist über die Jahrhunderte schon gekrochen, er ist in jede Schicht des Gemäuers eingedrungen, hat sich im Inneren der Möbelstücke festgesetzt. Der ganze Hof hat den Mist gespeichert, eingesogen und nicht mehr ausgespuckt. Man müsste das Wohnhaus niederreißen und den Stall, das Geschirr zerschlagen, die Kreuze zerhacken und ein neues Fundament ausheben, nur um ihn loszuwerden. Was für ein Aufwand das wäre, aber mit Ausräuchern ist es hier nicht mehr getan. Der Mist ist die Grundnote, und darüber legen sich andere, feinere: Brotgewürz, Holz und Zeitungspapier. Geselchtes, Dörrobst, Holunderblüten und Marillenmarmelade. Die Gerüche locken in alle Winkel des Hofes, sie dringen eiskalt und prickelnd von den Benzintanks im Inneren des Kornkastens nach außen. Sie führen lüstern zu den Klebern in die Werkstatt, zu den Metallen und Holzstapeln. In der Milchkammer riecht es säuerlich-vergärt, aus dem Keller dringt der Gestank von ammoniakgetränkter Stallkleidung und von Gummistiefeln, von vertrocknetem Blut und von fauliger Blumenerde. Karotten stecken in einem abgedunkelten Raum kopfüber im Sand. Von den Heuböden dringt ein blumiger Geruch, und auch der Großvater riecht nach selbst gemachter Ringelblumensalbe.
Im Winter sind die Felder schnee-, im Frühling, im Sommer und im Herbst mistbedeckt. Auch die Felder sind eingekesselt wie langgezogene Rechtecke, wie die Nägel in den Schächtelchen, wie die Schweine in den Boxen, das Rechteck fängt hinter dem Haus an und endet erst beim Fluss. Die Felder sind gezähmt und gebunden, ein Garten und ein Kartoffelfeld sind ihnen abgerungen, der Bereich ist mit Stöcken markiert, mit Schnüren umspannt. Vom Haus bis zum Fluss, vom Feldweg bis zum Fahrweg sind die Felder eingezäunt. Das Gras wächst wild, und so versucht man es zu zähmen, der Vater spannt Drähte um die Äcker herum. Die Grenzen steckt er eng, er steckt sie täglich nur ein wenig weiter, und die Kühe recken ihre Hälse unter den Seilen hindurch. Mit gieriger Zunge reißen sie am wilden Gras – aber vergeblich. Der Vater hat alles akkurat gespannt, da gibt es kein Durchkommen, für ihn ist das Zaun-Umstecken wie eine Meditation. Er sagt, da stehe er auf den Feldern und sehe der Sonne frühmorgens hinter den Bergen beim Aufgehen zu, und er fühle sich frei; frei, tun und lassen zu können, was er wolle, nicht wie Maria, nicht wie die Leute in der Stadt. Die würden jeden Tag gekrümmt auf ihren Bürostühlen sitzen, auf dem Arbeitsweg mit zusammengekniffenen Augen in den grauen Himmel blinzeln, nachdem sie sich aus ihren engen Wohnungen und überheizten Schlafzimmern gequält hätten. Stattdessen schaue er lieber über das Land, sein Himmel ist blau, das Gebirge strahlt in silbrigem Grau, die Wiesen in saftigem Grün. Die Schwalben fliegen quer durch die Luft, sie sind noch nicht im Süden, sie lassen sich treiben, ohne zu wissen wohin.
Das Land ist groß, aber nicht weit, links und rechts wird ihm von den Bergen Einhalt geboten. Die Berge zäunen die Felder ein, sie zäunen alles ein, sie spannen einen Rahmen um die Kirchen und Kühe, die Wiesen und die Brunnen. Das Leben ist eingerahmt wie ein Bild. Soweit das Auge reicht, schaffen die Berge Ordnung. Hinter den Felsen, so könnte man sich ausmalen, würde womöglich das Chaos beginnen, die Kühe würden dort wild galoppierend über die Straßen laufen, die Kinder im Winter barfuß über die Felder flitzen, die Alten rauchend auf einer Hausbank sitzen. Die Milchkannen wären an den Rändern mit einer fetten Rahmkruste überzogen und der alte Bauer würde seinen Gehstock hineinstecken, um einmal kräftig umzurühren. Die Nachbarin würde womöglich keck lächelnd in einem schwarzen Spitzen-BH aus dem Fensterchen ihres blauen Hauses spähen und sich so lange der Sonne zudrehen, bis jemand sie entdeckt. Sie würde diesem Jemand zuzwinkern. Der Vater würde Bücher nehmen, am helllichten Tag, er würde daran riechen, in ihnen blättern und in ihnen lesen. Er würde lachen, weil er einige Passagen so amüsant finden würde, er würde Tränen lachen. Er würde die Zeit vergessen und überhören, dass die Mutter ihn zum Mittagessen ruft. Er würde sich nachmittags in sein Bett legen und schlafen, um dann, wenn die Sonne allmählich untergehen würde, wieder aufzustehen. Ob der Vater hinter den Bergen auch beten würde?
Auf dem Hof lauert der Tod, man kommt um ihn nicht herum, er ist eingezäunt in die Hofhalbkugel, er ist mit ihr verwachsen wie alles mit allem hier. Er versteckt sich in den Mistrinnen, wo die kleinen zerteilten Katzenkörper liegen, manchmal kommt er ganz unterwartet unter den schweren Kuhleibern; in einem unachtsamen Moment drücken sie die Kätzchen platt. Er treibt sein Unwesen unter den Kuhleibern und in den Kuhleibern, wo die Zwillingsföten absterben, auf den Klebestreifen, wo die Fliegen um ihr Leben surren, auf den Feldern, wo gerade gemäht wird und sich die Rehkitze im hohen Gras verstecken. Der Hof ist eingezäunt, aber doch voller Gefahren, in ihm lauern Schlaglöcher und Gruben, Böschungen und Luken. Die Hänge rutschen ab, die Blitze schlagen ein. In der Jauchengrube kann man ertrinken, im Silo ersticken, im Stadel, wenn das Heu feucht ist, verbrennen, in der Werkstatt in eine Säge laufen, durch die Strohluke fallen, vom Traktor überrollt werden.
Der Tod schlägt vor dem Misthaufen zu, wo die Schweinewanne steht, an den Gründen der Heuböden, wo die Katzenmütter ihre Jungen verstecken, die sich durch ihr ahnungsloses Miauen selbst verraten, er kriecht in die Schöße der Frauen, in die Zimmer der Alten. Der Tod hat seine Heimat in der Stube, wo die Verstorbenen aufgebahrt werden, er ist im Keller daheim, wo die Schweinehälften von der Decke baumeln, er ist in der Küche in den Suppentöpfen, wo die Schädel der Hirsche sieden und einen entsetzlichen Gestank verbreiten. Mal kommt der Tod brutal daher, mit einem Beil und mit Sägen, mit geschliffenen Messern und mit Äxten, das Blut rinnt in Strömen dahin und die Felle werden mit einem Krachen von den Leibern gezogen. Dann ist er wieder sanftmütig, kommt nachts und ganz leise, damit ihn ja keiner hört. Dann will er unaufdringlich sein und niemanden stören. Aber manchmal klopft er auch an, daran glaubt zumindest der Großvater: Wenn der Tod jemanden geholt hat, dann klopft er an. Er will nicht, dass sein Werk unentdeckt bleibt. Wie ein Poltergeist rumpelt er dann in den Kammern, er hämmert wie wild gegen die Wände. Soll der Teufel ihn holen, möchte man sagen, aber wer will schon zur Hölle fahren? Sogar bei den Begräbnissen schleicht der Tod, schon wieder hungrig trotz frisch gerissener Beute, umher. Man kann ihn nicht abschütteln, nicht mit Weihwasser verscheuchen wie den Teufel, der Pfarrer weiß das und ruft vorsichtshalber zum Gebet. Wir beten nun für denjenigen in unserer Mitte, der dem Verstorbenen als Nächster ins das Reich Gottes folgen wird. Ein Gemurmel, ein Vaterunser, und alle schauen sich verstohlen nach diesem Nachfolger um.
Einen Überschuss am Sterben gibt es auf dem Hof und einen Überschuss am Leben. Das Leben ist, es reproduziert sich ständig selbst, die Kühe werden besamt und gebären, wie in Endlosschleife, das Gras wächst, kaum ist es geschnitten. Das Leben will aus jeder Ritze hervorbrechen, es drängt sich auf. Es wird abgewürgt, kleingemacht, geschnitten, gestutzt, zurechtgebogen, nicht gelebt, aber es kommt immer wieder, es lässt sich nicht zähmen. Das Unkraut sprießt zwischen den Pflastersteinen hervor, die Mutter hat sechs Kinder, die Großmutter zehn, die Katzen werfen weiter unbelehrbar ihre Jungen in den Heuböden, der alte Birnenbaum trägt Jahr um Jahr seine ungenießbaren Früchte aus.
Auch die Arbeit hört niemals auf. Sie währt ewig. Sie ist geduldig. Sie ist langmütig. Sie bleibt da, auch wenn man sich nicht um sie schert, sie bleibt da, auch wenn man sich um sie schert. Ignorieren macht sie nicht weniger, abarbeiten ebenso nicht. Sie hört niemals auf. Die Arbeit ist überall, sie liegt brach auf den Feldern, sprießt in den Gärten, brütet im Stall vor sich hin, sie wartet in der Milchkammer, in der Stube, in der Küche, bei den Kindern. Sie lässt sich nieder auf den Leibern der Frauen, die vier statt zwei Hände haben müssten. Wenn der Boden gewischt ist, ist die Wäsche aufzuhängen, wenn die Kinder angezogen sind, ist Frühstück zu machen, wenn der Topfen gestürzt ist, ist die Molke abzuseihen und soll die Mutter einmal pünktlich irgendwo sein – in der Kirche oder auf dem Bahnhof – wartet schon der Vater mit zugeknöpfter Jacke und tritt von einem Bein aufs andere. Im letzten Moment eilt die Mutter dann herbei, in einer Hand noch die Bürste, um sich die Haare zu frisieren, in der anderen eine Kinderhose, an der Nadel und Faden hängen, legt die Sachen beiseite, zwängt die Füße in die engen Stiefel und huscht hinaus.
Die Ankunft
Heute kommt Maria, und die Mutter schwirrt mit dem Staubsauger quer durch das Haus. Sie fährt sorgfältig über den Boden und holt den Staub aus jeder einzelnen Ritze. Sie kennt die verborgensten Winkel, jeden davon hat sie zumindest einmal geputzt, ist mit ihren Fingern daran entlanggefahren. Sie hat sich das Haus und den Hof mit ihren Händen erobert. Die Mutter weiß, wo das Holz gleichmäßig gemasert ist und wo ungleichmäßig und wo der Fußboden Einkerbungen hat. Sie weiß, wie man barfuß über die rauen Stellen geht, ohne sich einen Schiefer einzutreten. Man muss sich ein wenig auf die Zehenspitzen stellen und leicht seitlich darüber tänzeln. Die Knöchel der Mutter knacksen beim Gehen. Wenn im Haus etwas verloren geht, findet die Mutter es wieder. Sie sieht die Schwächen des Hauses, jede einzelne davon, sie weiß, wo es nachgibt, nachlässig wird, wo es rissig wird und brüchig, wo das Holz arbeitet und knarzt. Sie sieht die Flecken, die an den Mauern mehr werden, die Schwärze von Schuhen und Ruß.
Die Mutter hebt die jagdgrünen Filzpatschen des Vaters ein wenig vom Boden auf, sie behält sie in Händen, sie wischt auf. Auf dem Boden zeichnen sich kleine eingetrocknete Schmutzseen ab. Er muss mit ihnen ins Freie gegangen sein, wieder einmal, er geht mit den Straßenschuhen in die Stube und mit den Filzpatschen ins Freie. Die Mutter verrückt die meterhohe Vase nur ein ganz kleines Stück. Sie ist bloß zur Dekoration da, keine Pflanze braucht so viel Wasser, vor allem keine vertrocknete Pflanze, keine vertrocknete langstielige weiße Rose. Die Mutter staubt sie mit einem feuchten Geschirrtuch ab, sie reibt den Schmutz immer tiefer hinein in das verblichene Grau.
Falls sie mit der Arbeit hinterherkäme, würde die Mutter Maria vom Bahnhof abholen. Viel Zeit würde bis dahin nicht bleiben, sie hatte noch so viel zu tun. Der Eimer mit den Essensresten müsste zu den Schweinen getragen werden. Die Fenster müssten geputzt werden. Die Vorhänge müssten gewaschen werden. Die Speisekammer müsste entrümpelt werden. Der Kuchen müsste gebacken werden. Soll sie das gute Geschirr aufdecken oder doch das normale? Das Werktagsgeschirr ist so unfestlich, es ist überall abgeplatzt, die Tassen passen nicht zueinander. Andererseits, denkt sich die Mutter, ist Maria auch keine Fremde hier.

Der Vater wandert auf dem Feld auf und ab, die Zaunlatten hat er unter die rechte Achsel geklemmt, zwischen die Lippen presst er einen dicken Nagel. Normalerweise ist er flink bei der Arbeit, aber er hastet nie, er hat die Schnelligkeit eines Routiniers, nur heute ist er nicht bei der Sache. Die Arbeit will ihm nicht recht von der Hand gehen, sie fließt zäh dahin, sie beschwert ihn, er hat vorhin mit dem Hammer nur knapp an seinem eigenen Daumen vorbeigeschlagen. Die Zeit vergeht nicht, sonst vergeht die Arbeit nie, der Vater hat schon Hunger, obwohl erst Vormittag ist. Um drei Uhr wird Maria ankommen. Sie kommt mit dem Zug. Soll er sie abholen? Erwartet sie das von ihm? Sie weiß doch, dass das nicht geht. Wie würde das aussehen – ein Bauer, der von der Arbeit wegläuft? Hat der nichts Besseres zu tun, an einem helllichten Tag? Und wozu eigentlich? Sie wird einen kleinen Koffer haben, den kann sie alleine tragen, sie bleibt ja nicht länger als zwei Tage hier.
Der Bahnhof ist nah und wenn der Vater zügig geht, könnte er innerhalb von zehn Minuten wieder bei seiner Arbeit sein. Aber was sollte er zur Begrüßung denn sagen? Man muss doch etwas sagen, irgendetwas, wenn man sich drei Jahre lang nicht gesehen hat. Er könnte sich nach der Fahrt erkundigen, ob alles gutgegangen sei. Hast du umsteigen müssen? Wie war das Wetter unterwegs? Er könnte fragen, ob er Maria den Koffer abnehmen solle. Aber wohin dann mit seinem Arm? Sollte er ihn Maria entgegenstrecken oder ihn um sie schlingen? Er könnte die Arme auf seinem Rücken zusammenknoten. Der Knoten wäre so fest, er könnte ihn nicht so einfach lösen. Das würde Maria sicherlich verstehen. Was aber, wenn sie ihn trotzdem umarmen würde, ihn, das Stück Holz? Vielleicht würde aber auch er sie sehen und könnte sich ganz plötzlich nicht länger halten. Er würde sich von seinem Knoten losreißen, sich an ihren Hals hängen und weinen wie ein Kind.
Maria wird schon aus ihrer Stadtwohnung, in der der Vater noch nie war, aber die er sich beengt und mit niedrigen Decken vorstellt, gegangen sein. Ihr Wecker wird oft geläutet haben, wahrscheinlich steht sie immer noch schwer auf. Sie wird ihren Koffer über die lärmende Straße gezogen haben. Sie wird ihren finsteren Blick aufgesetzt haben. Sie wird schon in den Zug gestiegen sein, mit dem sie hier ankommen wird. Sie wird sich, so ist sie nun mal, gefragt haben, ob sie im richtigen Zug ist, obwohl sie das ganz genau weiß. Sie wird schon auf den gepolsterten blauen Sitzen mit den kleinen gelben Quadraten Platz genommen haben. Sie wird schon bei Wiener Neustadt vorbeigefahren sein und bei Bruck an der Mur auch. Der Vater weiß nicht, ob sie bei einem Halt schnell ausgestiegen sein wird, um eine Zigarette zu rauchen. Raucht sie noch?
Während er hier auf dem Feld steht, rückt Maria Meter um Meter an ihn heran. Er steht einfach hier, aber der Zug, in dem sie sitzt, schiebt sich unaufhaltsam in seine Richtung. Sie wird nicht an einem falschen Ort aussteigen, sie ist auf dem Weg hierher. Genau hierher. Sie wird ihn finden, steif stehend auf seinem Feld. Aber jetzt wäre noch Zeit. Jetzt könnte er noch weglaufen, vor dem Zug davonlaufen. Aber wohin? In den Wald oder auf die Alm. Aber wo sollte er schlafen? Nachts würde es kalt werden und er würde frieren. Er würde auf dem feuchten Waldboden kauern und aus der Ferne versuchen, einen Blick auf Maria zu erhaschen. Wie sie jetzt wohl aussieht? Ist sie auch älter geworden, so wie er? Der Vater bemerkt in letzter Zeit im Spiegel immer öfter einen alten Mann. Mit einem Ruck sind die Haare weiß geworden. Ob Maria auch schon ein paar von seinen weißen Haaren hat?
Der Vater schämt sich jetzt dafür, dass er fliehen will. Vor jemandem fliehen zu wollen, verstößt das nicht gegen die Nächstenliebe? Jesus predigt, man solle den anderen lieben wie sich selbst. Man solle die rechte Wange hinhalten, wenn einem jemand auf die linke schlägt. Die Mutter predigt, man solle lieber Unrecht erdulden als Unrecht tun. Und was tut er? Flüchtet. Da wollte er jahrelang, dass Maria ihn endlich besucht, und dann will er vor ihr fliehen. Er hatte es ihr nicht gesagt, aber gewünscht, ja, das hatte er es sich. Sie hatte ihn eingeladen, mehrmals, zu ihr zu kommen, aber ein Bauer wie ich ist nicht für die Stadt gemacht. Ein Bauer wie ich versteckt sich lieber. Ein Bauer mag keinen Besuch, er fremdelt, er versteckt sich davor. Ja, er würde sich einfach unsichtbar machen, wenn Maria käme. Er würde soweit auf das Feld hinausgehen, fast bis zum Fluss, dort, wo der Hang steil abfällt, und wo man ihn vom Haus aus nicht mehr würde sehen können. Wenn jemand nach ihm rufen würde, würde er einfach nicht kommen. Er würde später sagen, der Fluss habe so laut gerauscht und die Vögel hätten gesungen. Die Natur stehe ihm bei! Er könnte sich auch in der Werkstatt verkriechen, ja, das wäre viel klüger, er würde seinen Gehörschutz aufsetzen und mit der Kreissäge Bretter schneiden. Das ist längst überfällig, er würde tatsächlich nichts hören, es wäre nicht gelogen, er würde gegen keines der Gebote verstoßen. Er würde die Uhr neben die Kreissäge legen und sie im Blick behalten. Sein Herz würde laut schlagen und unter dem Lärm würde der Vater schon um zehn vor drei das Rattern eines herannahenden Zuges auszumachen glauben.

Maria sitzt im Zug und starrt zum Fenster hinaus. Was für eine langweilige Landschaft, denkt sie bei sich, wie unglaublich eben und flach. Ihr scheint, als hätten die Menschen die Langeweile ihrer Landschaft in die Langeweile ihrer Häuser einzementiert.
Die Berge, denen Maria entgegenfährt, hat sie nie als langweilig empfunden, sie haben sie beschützt, haben sie eingerahmt. Berge geben sich draufgängerisch und wild, sie ragen mit ihren Spitzen pfeilgerade wie Hände in den Himmel, als würden sie ihre Finger ausstrecken und wollten nicht einsehen, dass sie ihn niemals erreichen. Sie leuchten bläulich in der Dämmerung und gelblich im Sonnenschein. Im Winter erstarren sie unter Eis und Schnee, sie begraben alles Lebendige unter sich. Sie werfen Menschen und Tiere ab. Sie sind hochnäsig, aber sie dulden selbst keine Hochnäsigkeit. Manchmal wächst Wald auf ihnen, dann ist ihr Untergrund bemoost und sie riechen nach Harz.
Der Wald bietet Unterschlupf, auch für den Vater, er versteckt sich gerne darin. Ob er sich, während Maria hier Kilometer um Kilometer absitzt, wohl schon in ihm verkrochen hat wie eine Schnecke in ihrem Haus? Vielleicht ist er probeweise dort, um sich einen bequemen Platz zu sichern. Ob die Mutter schon alles saubergemacht hat? Oder erledigt sie das immer noch ganz hektisch und am Schluss? Vielleicht haben die Eltern sich ja geändert in der Zwischenzeit. Älter sind sie bestimmt geworden, der Vater trägt jetzt eine Lesebrille. Was wird das Erste sein, was man einander zu sagen hat? Wird man einander etwas zu sagen haben? Maria wird sich nach dem Bruder erkundigen und nach seiner Frau, sie wird fragen, ob jemand im Dorf gestorben sei. Sie wird der Mutter zuvorkommen mit dieser Frage. Die Mutter wird ihr erzählen, dass der Pfarrer Unfug predige, ein paar Wanderer seien verunglückt, der Nachbar sei pleite wegen seiner Sauferei. Der Vater wird spät kommen, zwischen Tür und Angel stehen bleiben, die Hand zum Gruß heben und fragen: Wie geht’s?
Maria hat heute Morgen eine Schwere gespürt, als sie aufgestanden ist, sie war müde und matt, ihre Arme haben gekribbelt, von der Schulter bis zu den Fingern. Sie hat schlecht geträumt, halb-dämmernd, halb-wachend vor sich hin geschlafen. Sie hat sich hin und her gewälzt, hat in der Finsternis gewartet, bis der Wecker läutet, unruhig und zappelig wie ein Kind. Maria hat ihre Beine mit einem Schwung aus dem Bett gehievt und fest abgestellt auf dem Grund.
Nun breiten sich die vielen Kilometer zäh vor ihr aus, sie füllen die ebene Landschaft, nach allen Seiten hin. Wie weit ihr die Reise nun vorkommt, in ihrem Untätigsein, in diesem völligen Nichtstun, so weit wie vielleicht einem Kind. Maria schreitet das Abteil, in dem sie alleine sitzt, auf und ab. Sie vermisst innerlich seine Größe und versucht zu vergleichen, ob ihr Kinderzimmer eigentlich auch so klein gewesen sein mag. Sie stellt sich vor, ob sie es in einem Raum dieser Größe für zwei Tage aushalten würde können.
Der Zug fährt stur in eine Richtung, er kehrt nicht um, aber Maria kann immer noch umkehren. Sie könnte aussteigen, umsteigen und am Abend wieder zu Hause sein. Sie könnte sich freuen, diese trostlose Landschaft ein für alle Mal hinter sich gelassen zu haben. Schon am Morgen wollte sie umkehren, eigentlich, sie hatte den starken Drang dazu, die Übelkeit kroch ihr den Rachen hoch, aber dann zog ihr Koffer sie hinaus und ihr Schlüssel sperrte hinter ihr ab. Sie war plötzlich auf der Straße, und schon fiel die Haustür hinter ihr ins Schloss. In der U-Bahn wollte sie an den geschlossenen Türen rütteln, aber was sollten die Leute denken? Sie wollte nicht wie eine Wahnsinnige erscheinen. Und dann: Was sollte es bringen, bei irgendeiner beliebigen Station auszusteigen? Zu Hause war sie ohnehin nicht mehr, der Waggon war längst in Bewegung, da konnte sie auch direkt zum Bahnhof fahren und dann weiter zum Zug.
Etwas würde es sein, was sie als Letztes tun würde, bevor sie ihren Koffer in die Hand nehmen und aus dem Zug steigen würde. Solange es noch etwas gibt, was es zu tun gilt, damit beruhigt sich Maria jetzt, würde sie nicht ankommen müssen. Solange es noch etwas, eine einzige Sache, zu tun gibt, würde sie noch daheim sein und nicht auf dem Bergbauernhof. Die Leute würden noch in der U-Bahn sitzen und in die Arbeit fahren. Die Fußgänger würden immer noch an der Ampel warten und die Blumen auf dem Balkon würden immer noch vor sich hinblühen.